Felix´ Stadtrad – Altes Alu für den Alltag

Ich fand es als Kind immer selbstverständlich, ein Fahrrad zu besitzen. Damit bin ich zur Schule und zu Freunden gefahren, konnte durch den Wald brettern und ferne Ziele schnell erreichen. Ich kann aber nicht behaupten, den Besitz eines eigenen Fahrrades damals besonders geschätzt zu haben.

Was ich aber mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass ich durch mit meinem Fahrrad schon als kleiner Junge ein gewisses Maß an Freiheit hatte. Und die habe ich sehr genossen.

Heutzutage besteht das primäre Fortbewegungsmittel der Heranwachsenden aus dem elterlichen Automobil. Zu viele Termine liegen in zu kurzer Zeit, so dass die Bewältigung durch elterliche Shuttle-Services gewährleistet wird. Zum Schutz des Kindes und zur Optimierung der eng gestrickten Zeitpläne werden die Kids von mehr oder weniger gestressten Elternteilen in Vans oder Kombis zur Schule, zum Sport und natürlich auch zu ihren Freunden gekarrt. Überall hin.

Vorbei an all den kleinen Dingen, die ein Kind beeindrucken könnten. Ob es sich um Schwäne auf dem Teich, Radkappen am Straßenrand oder Straßenmusiker in der Innenstadt handelt. Eigentlich sollte ein Kind die Zeit und Freiheit haben, diese unzähligen Eindrücke zu erleben.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass Felix bis zum Beginn des aktuellen Schuljahres auch mit dem Auto zur Schule gebracht worden ist. Eine Relativierung dieser Tatsache mag sein, dass sich die Schule direkt auf dem Arbeitsweg seiner Mutter befindet und beide annährend zeitgleich an ihren Plätzen zu erscheinen haben.

Nun hat er beschlossen, es seinen Freunden gleich zu tun und mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren.

Ich fand seine Entscheidung toll und wollte ihm einen passenden Untersatz dafür zur Verfügung stellen. Eigentlich hatte ich nicht den Plan, eine neue Dauerbaustelle einzurichten. Aber sämtliche Räder, die wir uns in den örtlichen Shops angesehen haben, gefielen entweder ihm nicht oder lagen ausserhalb unseres knappen Budgets. Also haben wir uns ein wenig im Netz umgeschaut und dabei ein verlebtes Cannondale M400 von 1997 gefunden. Der Vorbesitzer hat das Rad leider der Witterung überlassen. Neben vielen rostigen Schrauben und defekten Lagern eierten die Reifen fröhlich auf verbogenen Felgen hin und her. Letztlich machten diese Details nicht viel aus, da an Fahren aufgrund der verrotteten Schaltung ebenso wenig zu denken war wie an Lenkbewegungen. Dafür war der Preis fair.

Hier ist das Rad im Kaufzustand zu sehen:

Cannondale M400 1997

Mein Gedanke war, Felix ein möglichst unauffälliges, robustes und schnelles Stadtrad zusammenzubauen.

Zuerst musste das Rad gereinigt werden. Das haben wir ziemlich gründlich getan, denn der gelbe Lack hat sich dabei auch gelöst. Danach wurde die Gabel schwarz lackiert. Es war ein netter Zufall war es, dass ich in einer Gebrauchtteile-Börse einen Satz Magura HS11 gefunden habe. Die Bremsen sind für lange und problemlose Funktion bekannt – wenn sie erstmal vernünftig eingestellt sind.

Magura HS11

Also habe ich sie gekauft und ans Rad geschraubt. Die Bremsleitung für´s Hinterrad musste anfänglich mit Kabelbindern am Oberrohr entlang geführt werden. Bis ich die Zugführungen aufgebohrt habe.

Cannondale M400 1997

Es ist ziemlich endgültig, einen 15 Jahre alten Rahmen von seinem ursprünglichen Lackkleid zu befreien und ihm dann auch noch mit einer Bohrmaschine auf das geschundene Geröhr zu rücken. Ich bin kein grosser Freund solcher Massnahmen, jedoch habe ich hier eine Ausnahme gemacht. Denn wir planen nicht, den Rahmen wieder zu verkaufen oder ihn als Eyecatcher im Keller stehen zu lassen. Das Rad wird benutzt werden. Aber es soll nicht gestohlen werden. Und fette Cannondale-Sticker locken Langfinger weitaus mehr als ein schwarz-silbernes Rad ohne erkennbare Hersteller-Insignien.

Cannondale hat bis vor ein paar Jahren alle Rahmen in den Staaten gefertigt und die Schweissnähte verschliffen. Sie waren bekannt für hochwertige, leichte (und teure) Rahmen. Einen ausgeprägten Cannondale-Kult gibt es aber nicht, was ich nicht nachvollziehen kann, sind die Rahmen doch handwerklich sehr schön gearbeitet. Dummerweise sind die Rahmen meist für ihren optimalen Einsatzzweck optimiert worden. Und so fehlten an Felix´ Rad die Befestigungsmöglichkeiten für Schutzbleche und Gepäckträger.

Um die Schutzbleche trotz fehlender Gewinde stabil und sicher montieren zu können, hat sich Sören vom Bikewerk etwas einfallen lassen: In den Wishbone-Hinterbau hat er ein Gewinde eingeschnitten und das Schutzblech in Tretlager-Nähe mit einer handgearbeiteten Schelle befestigt.

Cannondale M400 1997

Cannondale M400 1997

Wie du eventuell schon gesehen hast, fehlt am Rad der Umwerfer. Das hat folgenden Hintergrund: Felix fährt meist auf dem mittleren Kettenblatt. Und für die Fahrten im Stadtbereich von Goslar gibt es keine für ihn unbezwingbaren Anstiege. Also habe ich ihm eine Rohloff CC-Kettenführung montiert. Die sorgt dafür, dass die Kette da bleibt wo sie hingehört.

Rohloff CC Kettenführung

 An all seinen Rädern fährt er Gripshift-Schaltgriffe. Die speziellen Schaltgriffe sind ideal für kleinere Hände und nebenbei funktionell und günstig. Daher war klar, dass er einen solchen auch wieder am Stadtrad nutzen wird. Der Schalthebel musste ein wenig umgebaut worden, weil das Griffgummi schon völlig abgenudelt war und der vorhandene Ersatz nicht wirklich passen wollte.

Gripshift SRT600

Aktuell, und damit bin ich bei der letzten verbliebenen Baustelle angekommen, hat er nur sieben Gänge zur Verfügung. Das ist soweit auch in Ordnung, aber acht Gänge können auch nicht schaden. Also werde ich beizeiten das Schaltwerk tauschen und eine andere Kassette montieren.

Cannondale M400 1997

Die Lichtanlage besteht aus einem Shimano-Nabendynamo und Leuchten mit Dämmerungssensoren und integriertem Standlicht von Busch & Müller.

Cannondale M400 1997

Während ich beim Steuersatz eine günstige Lösung gewählt habe, besteht das Innenlager aus einem neuen alten Edco. Das sollte die nächsten Jahre problemlos überstehen.

Edco Competition

Leider konnte ich kaum ein Teil vom gekauften Rad weiter verwenden. Entweder waren sie schlicht verbraucht oder sie haben nicht ins neue Konzept gepasst. Nur Lenker und Sattel stammen von dem ganz oben zu sehenden Rad.

Coda Performance Sattel

Felix fährt mit dem Rad scheinbar sehr gerne, denn selbst strömender Regen verdirbt ihm nicht mehr die Laune.

Cannondale M400 1997

Ich hoffe, dass er das Rad über einen langen Zeitraum gerne und viel nutzen wird und die damit verbundene Mobilität geniesst. Trotz der kruden Verkehrsführung in Goslar hat er bislang keine Schwierigkeiten gehabt, sich im Straßenverkehr zurecht zu finden und immer sicher am Ziel anzukommen.

Was kann einem Rad besseres passieren, als gefahren zu werden?!

Cannondale M400

 

(3) Kommentare

  1. Wie es scheint, passt wirklich keine achtfach-Kassette. Schade.

    Da bleiben nur zwei Optionen:

    a) Kostengünstig: der Zustand wird akzeptiert.

    b) Nicht ganz so günstig: ich suche ein neues Hinterrad.

    Mal schauen, was die Zeit so bringt…

  2. Schönes Projekt, sieht toll aus!

    Was hast du denn für eine Hinterradnabe verbaut? Sollte sie aus der gleichen Baureihe entstammen wie die Kurbel, dann glaube ich nicht, dass sich eine achtfach-Kassette montieren lässt… :(

  3. Das ist doch mal eine nette und vor allem funktionelle Kiste.

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